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Die Wedderköpfin probt den Aufstand

Stadtführung erzählt von einer – gescheiterten – Weiberrevolte im alten Dürrmenz anno 1773
Nur eine Posse mit wirtschaftlichem Hintergrund oder doch ein erster Versuch weiblicher Emanzipation? Ausgerechnet in unserem alten Dürrmenz? Ins Jahr 1773 entführten Sonngard Bodner und Rainer Wallinger, stilvoll historisch gewandet, die Teilnehmer einer ganz besonderen Stadtführung.

Mühlacker. Es war die Zeit des Rokoko, galant und verspielt, aber auch die Ära der derben Possen, wie Sonngard Bodner vorab deutlich machte. Etwa zwei Dutzend gemeine Bürger waren der Ladung des Amtmanns Löffler –  alias Rainer Wallinger –  gefolgt, zunächst in der Stadtmitte vom Schicksal der Anna Catherina Wedderkopf zu hören, das eng mit der Geschichte der Kelter verbunden war.

Der schwarze Rock des Amtmannes mit den Goldtressen, darunter das golddurchwirkte Hemmet mit spitzenbesetzten Jabot und sogar noch Spitzen an den Ärmeln, dazu der goldumrandete Dreispitz, verlangten Respekt und Unterordnung. Ebenfalls vertreten bei der öffentlichen Anhörung war die Wedderköpfin (Sonngard Bodner), nobel gekleidet im Stil ihrer Zeit. 1715 in Lienzingen geboren, in Mühlhausen bei Verwandten aufgewachsen und mit dem 18 Jahre älteren Juristen Wedderkopf verheiratet, begehrte sie später die Scheidung –  schon das eine Ungeheuerlichkeit. Sich den Mannsleut’ unterordnen? Nein, sie wagte es, die gleichen Rechte für sich als Frau zu fordern, was 1773 die Männer in Dürrmenz und Mühlacker auf die Barrikaden trieb. Die laufenden Geschäfte der Kelter gaben den Anstoß. Jährlich wurde da die Stelle des Zehntpächters per Gebot vergeben, bisher eine absolute Männerdomäne.

„Warum keine Frau?“, fragte sich die Wedderköpfin und bot eine rechte Summe. Sie war inzwischen geschieden, ein gewaltiger Affront gegen die damalige Scheinmoral. Entgegen aller Usancen hatte ihr Mann, der bei Hofe in Stuttgart ein und aus ging und der zu Hause kalt und berechnend war, seinem Eheweib bei der Trennung ihr ganzes Heiratsgut und den Zugewinn überlassen.

„Soll er auf seinem Federkiel zur Hölle fahren“, sagte Catherina, bot von den 24000 Gulden (heute 1,2 Millionen Euro), die sie unter anderem lukrativ in Immobilien anlegte, 2050 Gulden auf den Posten des Zehntpächters. „Da Frauen in der Rechtsordnung nicht genannt sind, können sie auch nicht ausgeschlossen werden“, argumentierte sie.

Der Aufruhr war perfekt, Intrigen begannen, Filz und Vetternwirtschaft trieben kuriose Blüten. „Warum diese Hergelaufene und nicht ich, die ich hierher gehöre und meinem Mann, dem ehrbaren Wirt des ,Schwarzen Adlers‘, Jacob Redwitz, zwölf Kinder geboren habe?“, empörte sich daraufhin die reiche Wittib des verstorbenen Wirts und bot ebenfalls eine noch höhere Summe auf den Zehntpächter.

Im Ränkespiel örtlicher Honoratioren setzte sich dann der Wirt vom „Grünen Baum“, Johann Georg Reiber, an die Spitze und errang in einer dritten Versteigerung den begehrten Posten. Allerdings fiel in diesem Jahr die Ernte so dürftig aus, dass er einen Bettelbrief an die Stuttgarter Obrigkeit schicken und um Nachlass der fälligen Abgaben bitten musste. Gewährt wurde ihm eine Stundung.

Nichts zu machen für die reiche Bewerberin: Anno 1773 gibt es im alten Dürrmenz ein zähes Ringen um den Posten des Zehntpächters, an dem sich auch Anna Catherina Wedderkopf (Sonngard Bodner, Mitte) beteiligt – und der Amtmann (Rainer Wallinger) muss energisch einschreiten. Rechts die Magd der Herrschaften (Irmgard Wallinger).
Nichts zu machen für die reiche Bewerberin: Anno 1773 gibt es im alten Dürrmenz ein zähes Ringen um den Posten des Zehntpächters, an dem sich auch Anna Catherina Wedderkopf (Sonngard Bodner, Mitte) beteiligt – und der Amtmann (Rainer Wallinger) muss energisch einschreiten. Rechts die Magd der Herrschaften (Irmgard Wallinger).

Von der Kelter über den Waldensersteg und an der Enz entlang führte der Weg ins Dürrmenz des 18. Jahrhunderts zurück. Mit von der Partie war auch Ingrid Wallinger als Magd, die ihre Herrschaften mit dem „Bankert“ im Kinderwagen begleiten durfte. Diese berichteten als Stadtführer über alte Gebäude, einst von honorigen Persönlichkeiten bewohnt, wie dem Justinus-Kerner Haus mit dem schönen Innenhof. Auch die reiche Blüte der ehemals 17 Dürrmenzer Gasthäuser hinterließ Spuren.
 Wie bequem war doch damals die Einkehr. Im heutigen Dürrmenz an einem sonnigen Nachmittag am Wochenende ein behagliches Plätzchen zur Rast zu finden, ist ungleich schwieriger.

(Mühlacker Tagblatt vom 08.06.2011, Text und Foto: Eva Filitz)

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