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Sündige Dürrmenzer landeten im "Häusle"

Kirchenkonvent hatte wachsames Auge auf das Treiben in der Gemeinde - Pietistischer Pfarrer Rues zeigte aber zu viel Eifer

Mühlacker. Die Dürrmenzer haben vor allem zwei Laster: Sie fluchen und trinken zu viel. Das jedenfalls war die Meinung von Pfarrer Johann Jakob Rues, der deshalb als erster pietistischer Pfarrer in Württemberg hart durchgriff und damit zumindest im Nachhinein für so manches Schmunzeln sorgte, wie jetzt im Andreas-Gemeindehaus, wo Dr. Wolfgang Schöllkopf über das Wirken des Geistlichen berichtete.

Wolfgang Rieger vom Historisch-Archäologischen Verein Mühlacker (li.) und Pfarrer Beatus Widmann (re.) begrüßen Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf als Referenten"Zucht und Unzucht in Dürrmenz" lautete der Titel der Veranstaltung, die rund 80 Gäste in das Gemeindehaus strömen ließ. Mit Pfarrer Dr. Wolfgang Schöllkopf war ein ausgewiesener Kenner der Kirchengeschichte aus Urach nach Mühlacker gekommen. Als Beauftragter der Landeskirche für Württembergische Kirchengeschichte hatte er sich auf Bitte des Dürrmenzer Pfarrers Beatus Widmann mit dem Fall Rues (1681 bis 1754) befasst. Denn der schrieb nicht nur durch die detaillierte Überlieferung Kirchengeschichte. Die von Schöllkopf ausgewerteten Kirchenkonventsprotokolle förderten auch eine ansonsten recht ungewöhnliche Geschichte zu Tage. Insgesamt 31 Jahre, eine lange Zeit, war Rues in Dürrmenz Pfarrer gewesen. Der Seelsorger kam 1707 nach Dürrmenz. "Rues war ein früher pietistischer Pfarrer", erklärte der Referent. In den Anfangsjahren sei die Bewegung noch recht modern und weit gewesen. Der eher staubige und enge Charakter habe sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges hatte der Kirchenkonvent als kommunales Sittengericht in Württemberg gedient. In Dürrmenz sind die Protokolle "erstaunlich vollständig erhalten", erklärte Schöllkopf, der sich deshalb ein detailliertes Bild vom damaligen Leben in der Gemeinde machen konnte. Im Kirchenkonvent saßen neben dem Pfarrer der Bürgermeister und die Gerichtsräte, sprich Gemeinderäte. Sie verhandelten über Vorfälle aus allen Bereichen des sozialen Lebens. Dazu gehörten neben dem Fluchen und Saufen auch die Sonntagsheiligung und das Eheleben. So wurden laut Schöllkopf zum Beispiel zwei Verlobte in den Turm gesetzt, weil sie vor der Heirat "zusammengeschlupft sind". Eine weitere Form der Strafe: "Ins Häusle gesprochen", der Verurteilte kam also in das Zuchthaus. Die Mitglieder des Kirchenkonvents haben sich in die Lebensplanung eingemischt", stellt der Pfarrer im Stift Urach fest.

Die Sache eskalierte, als Rues in pietistischem Übereifer immer mehr Bürger vom Abendmahl ausschloss. 133 von insgesamt 600 Einwohnern versagte er zuletzt in einem Jahr das Sakrament. Als dann auch noch der Amtmann Fischer wegen unsittlichen Verhaltens angeprangert wurde, kam es zum Aufruhr. Der Herzog schritt ein, und neben Rues wurden sechs weitere Bürger festgenommen und auf der Burg Hohenurach eingekerkert. Erst der Tod von Herzog Carl Alexander von Württemberg sorgte für die Freilassung von Rues. Er trat nach weiteren Aufständen in Dürrmenz eine Pfarrstelle in Ensingen an.

"Johann Jakob Rues hat ungewöhnliche Spuren in Dürrmenz hinterlassen", so der Experte für Kirchengeschichte. Dazu gehöre auch das alte Rues'sche Haus in der St. Andreasstraße, das er für die Ehefrau erbaut hatte. Es ist inzwischen ein Kulturdenkmal. Ansonsten, beruhigte Schöllkopf die Dürrmenzer, hatten ihre Vorfahren damals auch nicht mehr über die Strenge geschlagen als anderswo. Allerdings seien ihre Taten der Nachwelt ausführlicher überliefert.

Der Erlös der von der Kirchengemeinde und dem Historisch-Archäologischen Verein Mühlacker gemeinsam organisierten Veranstaltung kommt der Innenrenovierung der Dürrmenzer Kirche zugute.

(Mühlacker Tagblatt vom 3. November 2010, Text und Foto: Ulrike Stahlfeld)

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