Ausschnitt Fachwerk
 

Steine geben Opfern Namen

Mühlacker Schüler bringen sieben Schicksale ans Licht

Mit der Verlegung weiterer Stolpersteine durch Gunter Demnig in Mühlacker wird eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte in der Stadt erhellt. Die Vorarbeit für die Aktion haben Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) geleistet.

Während eine Schülerin des Theodor-Heuss-Gymnasiums schildert, unter welchen Umständen Friedrich Schwab von den Nazis ermordet wurde, macht sich der bundesweit aktive Künstler Gunter Demnig an die Arbeit und verlegt einen weiteren Stolperstein gegen das Vergessen.Mühlacker. Der Kölner Künstler Gunter Demnig war am Dienstag bereits zum zweiten Mal in Mühlacker, um die goldglänzenden Erinnerungssteine zu verlegen und damit den bisher unbekannten Opfern der Nazi-Diktatur in Mühlacker ein persönliches Denkmal zu setzen. Schlicht, aber umso effektvoller wirken die kleinen Quadrate mit ihrer Inschrift, die seit gestern weitere sieben leidvolle Schicksale für die Passanten der Stadt greifbar machen. Die Vorarbeit für die Verlegung der Steine haben Schüler des THG im Rahmen ihres Seminarkurses Kunst/Geschichte geleistet. Sie recherchierten in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Historisch-Archäologischen Verein (HAV) die Biografien der Opfer (wir berichteten).
Während das Sammeln der Fakten und Daten ein langer Prozess war, ging die abschließende Verlegung der Stolpersteine gestern Nachmittag schnell über die Bühne. Künstler Gunter Demnig, ausgestattet mit Maurerkelle, verschiedenen anderen Werkzeugen und Knieschutz, brauchte nur wenige Minuten, um das Andenken an die Opfer im Boden für die Ewigkeit einzulassen. Zigtausend Steine hat er in Hunderten von Städten bereits verlegt und dafür unter anderem 2005 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus den Händen des Bundespräsidenten Horst Köhler erhalten. In Mühlacker verlegte Demnig im Beisein von 30 Zuschauern am Weg zur Löffelstelz, an der Enzstraße, der Schulstraße und anschließend in Lomersheim vor dem Rathaus sowie in der Herzenbühlstraße in Lienzingen Stolpersteine.
Christiane Bastian-Engelbert vom HAV betonte gestern noch einmal, wie wichtig die Erinnerungssteine sind. "Die Menschen haben alle keinen Grabstein - heute bekommen sie einen, und dadurch sind sie fortan in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit präsent." Aus der Bevölkerung gebe es mit Blick auf die Stolperstein-Aktion viel "positive Resonanz", sagte Bastian-Engelbert auf Nachfrage unserer Zeitung. Sie habe im Vorfeld die Polizei über die Stolperstein-Verlegung informiert, so das HAV-Mitglied. "Im Osten verlegt Demnig nur unter Polizeischutz." Und in Lomersheim gebe es ja auch eine rechte Gruppierung. Die Mühlacker Zwölftklässler hätten im Rahmen der Aktion sehr viel bewegt, so Bastian-Engelbert. "Die 15 Schüler waren sehr kreativ."
Es sei schon etwas Besonderes gewesen, die Folgen der Nazi-Diktatur vor Ort zu recherchieren. Deshalb, so der Gymnasiast Egemen Korkmaz, hätten sie für die Ausstellung in der Stadtbibliothek auch den Titel "Näher als man denkt - Schicksale im Nationalsozialismus" gewählt. Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Mai zu sehen. "Die Arbeit war sehr spannend", sagte die 18-jährige Sophie Simons, die mit ihrer Gruppe Zeitzeugen in Mühlacker befragt hat und gestern jeweils eine weiße Rose auf die frisch verlegten Stolpersteine legte.

Gymnasiasten skizzieren die Lebensschicksale

Beim Einlassen der Steine war auch Oberbürgermeister Frank Schneider dabei, der die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen hatte. Der stellvertretende Tiefbauamtsleiter Jörg Soulier war ebenso zugegen. Seine Abteilung hatte die verschiedenen Stellen, an denen die Steine verlegt wurden, für den Kölner Aktivisten vorbereitet. Auch THG-Schulleiter Thomas Mühlbayer befand sich unter den Zuschauern. "Ich bin stolz auf meine Schüler", sagte er und merkte an, dass durch Projekte wie dieses das Leitbild der Schule, zu dem unter anderem Toleranz als Grundwert gehöre, gelebt werde.
Während Demnig sich an die Arbeit machte, wurde von einem der THG-Schüler das Lebensschicksal des jeweiligen Opfers kurz skizziert. Beim Auftakt der Aktion erfuhren die Zuschauer, dass Friedrich Schwab, der zuletzt am Fußweg zur Löffelstelz wohnte, nicht mehr am Krieg teilnehmen wollte und deshalb in der Ukraine wegen "Wehrkraftzersetzung" erschossen wurde. An sein Schicksal erinnert seit gestern ein kleiner Stein im Weg zur Burgruine Löffelstelz.

(Mühlacker Tagblatt vom 28.04.2010, Seite 9, Text und Foto: Maik Disselhoff)

Aus der Presse

Nachgferagt: Manfred Rapp - „Ausflug mit Lerneffekt“

(MT v. 20.06.2018) Etwa 15 Mal im Jahr bietet Manfred Rapp Exkursionen an und begeistert die Teilnehmer für die Stadtgeschichte, die Natur oder für hi... mehr...