Neues rund um Mühlacker 2010


Historische Schätze werfen Fragen auf

Rundgang durch Dürrmenz stößt auf großes Interesse

Erst im Sommer war mit der Entdeckung eines weiteren alten Bauwerkes die Geschichte von Alt-Dürrmenz fortgeschrieben worden. Das Gebäude in der Hofstraße 17 und das umliegende Areal beschäftigte die Teilnehmer eines Rundganges nicht nur aus historischem Interesse.

Grabung in DürrmenzMühlacker. Es stellte sich auch die Frage, inwieweit sich die dortigen Funde auf die Ortskernsanierung auswirken.

Als Referenten für den "Historischen Rundgang durch Dürrmenz" hatten die Mitglieder des Historisch-Archäologischen Vereins den Archäologen und Fachwerkexperten Tilmann Marstaller gewinnen können, der sich bereits durch seine Mitwirkung bei der Sanierung der Burg Löffelstelz in Mühlacker einen Namen machte.

Der Rundgang durch Alt-Dürrmenz unter fachkundiger Führung stieß auf großes Interesse. Rund 40 Teilnehmer starteten am Ausgangspunkt, für den Marstaller aus gutem Grund den Friedhof beziehungsweise die Peterskirche gewählt hatte: "Wir wollten zeigen, dass beide Seiten der Enz schon seit Urzeiten zu Dürrmenz und damit zusammen gehören." Selbst das ehemalige Dürrmenzer Rathaus und andere herrschaftliche Bauten lagen einst auf dieser Seite der Enz, wie Marstaller im weiteren Verlauf der Führung deutlich machte. Das ehemalige Gasthaus "Sonne" in der Herrenwaagstraße, das Welschdorf, das Pfarrhaus der Waldenser, der Bischoff-Wurm-Platz sowie unter anderem die St. Andreas-Kirche bildeten weitere Stationen, an denen der Experte die geschichtliche Entwicklung des Ortes aufzeigte.

Von großem Interesse für die Teilnehmer war auch das Gebäude in der Hofstraße 17, dessen historische Bedeutsamkeit Tilmann Marstaller erst in diesem Sommer zufällig entdeckte. Bei einem Rundgang durch Dürrmenz sah er, dass sich unter dem Putz Fachwerk abzeichnete. "Die Bewohner haben freundlicherweise nicht isoliert", stellte er mit einem Lächeln fest. Aufgrund der Art des Fachwerkes datierte er das mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Haus um das Jahr 1500: "So wie es aussieht, gehört es in die allererste Phase des Wiederaufbaus nach der Zerstörung des Ortes durch Herzog Ulrich 1504." Bislang war ein Gebäude in der Brunnengasse aus dem Jahr 1594 für das älteste Haus in Dürrmenz gehalten worden. Bis unter das Dach stiegen die Interessierten mit Marstaller die alte Treppe hoch, um sich das Fachwerk aus nächster Nähe anzusehen. Der Blick aus dem Fenster fiel schon auf die nächste archäologische Grabung. Im Garten des Hauses hatte das Landesamt für Denkmalpflege eine Sondage durchführen lassen.

Bei einer räumlich begrenzten Grabung sollte festgestellt, ob in der Erde weitere historische Schätze lagern. Dieses "kontrollierte Graben" förderte, so Marstaller, eine reiche Abfolge von Bauspuren zutage. Reste eines Fundamtes im Boden lassen auf eine Bebauung im 13. beziehungsweise 14. Jahrhundert schließen. Weitere Siedlungsspuren führten zurück bis in das Jahr 1000. Der Archäologe: "Es lohnt sich, hier zu graben." Es handle sich um einen Sonderfall. Selten sei eine so große Freifläche in einem historischen Ortskern zu finden.

Was aber heißt das für die Ortskernsanierung? "Kann es zu Verzögerungen kommen?", fragte eine Teilnehmerin des Rundganges. Die schloss Marstaller nicht aus. Allerdings sei es eine Frage der Planung. "Der Fund ist historisch bedeutsam, man kann ihn nicht einfach wegpacken", betonte auch Dr. Folke Damminger von der Denkmalpflege im Regierungspräsidium Karlsruhe auf Nachfrage unserer Zeitung. Da jedoch noch kein Bebauungskonzept vorliegt, riet Damminger dazu, die eventuell anstehenden Grabungen bei einem Wettbewerb "im Hinterkopf zu halten". Grabungen des Denkmalamtes gebe es jedoch nur, wenn bei Baumaßnahmen zum Beispiel für eine Tiefgarage gegraben werde. Für Damminger sind die Funde vor allem von lokalhistorischem Interesse. Der Sanierung jedoch stehe nichts im Wege: "Es stellt sich nur die Frage, wie viel Zeit und Geld man aufwendet, um die historischen Funde zu dokumentieren." Über das weitere Vorgehen werde er in nächster Zeit mit der Stadtverwaltung beraten.

(Mühlacker Tagblatt vom 29.09.2010, Seite 7, Text und Foto: Ulrike Stahlfeld)


Mit Burgfräulein unterwegs

Tag des offenen Denkmals – Führung durch die Senderstädter Ruine Löffelstelz

Historische FührungMÜHLACKER. Im mittelalterlichen Gewand hat Sonngard Bodner gestern knapp 20 Interessierte durch die Senderstädter Burgruine Löffelstelz geführt. Beim Tag des offenen Denkmals konnten sich die Gäste mit einem historischen Rundgang ein Bild von vergangenen Zeiten machen. Bodner berichtete, dass eine Art Burg am Platz der heutigen Ruine zum ersten Mal im zwölften Jahrhundert erbaut worden sei. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand schließlich jene Burg, der die Senderstadt heute ihr prägendes Stadtbild verdankt: die Löffelstelz. Den Namen verdanke sie der Ähnlichkeit zu einem Löffelstiel.

22 Meter hohe Mauer

Wo sich heute nur noch vage erahnen lässt, wie hoch die Mauer der Burg vor der Zerstörung gewesen sein muss, erhob sich diese im 13. Jahrhundert ganze 22 Meter hoch. Ein Feind musste diese erst einmal passieren, was sich als unmöglich darstellte. Selbst Langbogenpfeile konnten dieses Hindernis nicht passieren. „Da sich der Fels stetig in Richtung Tal bewegt, muss die Burg alle 40 Jahre renoviert werden“, sagte die im rot-blauen Leinenkostüm gekleidete Sonngard Bodner den Teilnehmern.

Weitere Führungen im Rahmen des Tages des offene Denkmals gab es mit Gerlinde Dauner in der Frauenkirche in Lienzingen. Dazu fand ein Konzert des musikalischen Sommers statt. Durch die römische Villa Rustica in Enzberg führten Edelgard Gessert-Seidler und Manfred Rapp.

Ein weiterer Programmpunkt war das historische Maschinen- und Kesselhaus am Bahnhof Mühlacker. Bei der Ausstellung „Modelleisenbahn in Betrieb“ konnten die Besucher Fakten zum historischen Bahnhofsstandort der Senderstadt erfahren. So war Mühlacker in der Rangfolge nach Stuttgart und Ulm einzuordnen. Zwei eigene Bahnhöfe – ein württembergischer und ein badischer mit jeweils einer Drehscheibe – sicherten früher den Grenzverkehr und zahlreiche Arbeitsplätze.

(Pforzheimer Zeitung vom 13.09.2010, Seite 24, Text u. Foto: Miriam Fuchs)


Bahnhof mit wechselvoller Historie

Verkehrswege stehen am Tag des offenen Denkmals im Mittelpunkt

Mühlacker. "Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr" lautete das Thema des diesjährigen bundesweiten Tags des offenen Denkmals. Bei den vom Historisch-Archäologischen Verein organisierten Veranstaltungen in Mühlacker standen unter anderem die Bedeutung der Enz als Verkehrsweg und die Historie des einstigen Mühlacker Grenzbahnhofes im Mittelpunkt.

Tatsächlich verlief die Geschichte des Mühlacker Bahnhofes alles andere als alltäglich. Und so erfuhren die Zuhörer vom VCD-Landesvorsitzenden Matthias Lieb so manche Kuriosität. Scheinen sich die Württemberger und Badener auch heutzutage nicht immer ganz grün zu sein, so sind sie sich doch mittlerweile einig, was die Uhrzeit angeht. Das war nicht immer so.

Vielmehr gingen die Uhren in Württemberg anders als in Baden mit der Folge, dass es im Mühlacker Grenzbahnhof unterschiedlichen Zeiten gab: die Stuttgarter Zeit für die württembergischen Züge und die Karlsruher Zeit für die badischen Züge. Dazwischen lagen drei Minuten. Das änderte sich erst 1892 mit der Einführung der Mitteleuropäischen Zeit.

Lieb blickte in seinem Vortrag im Ausstellungsraum des Modelleisenbahnclubs Mühlacker, dem historischen Maschinen- und Kesselhaus am Bahnhof, zurück bis in die Planungsphase des Mühlacker Bahnhofes. Und die verlief auch nicht reibungslos, da verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden mussten.

Karl Pritzl (li.) vom Modelleisenbahnclub informiert Die Akteure im Spiel waren demnach das Königreich Württemberg, das Großherzogtum Baden, die württembergischen Städte Heilbronn, Calw und die badischen Städte Bretten, Mannheim und Pforzheim. Lieb: "Es gab sehr unterschiedliche Interessen - auch innerhalb der jeweiligen Länder - und einen langen Streit über die beste Streckenführung." Die badischen und württembergischen Ingenieure hätten sich zwar schon 1844 auf die Trasse über Bruchsal und Bretten geeinigt. Die Politik sollte aber noch einige Jahre benötigen.

Mit Aufnahme des Zugbetriebes 1853 wurde auch eine Postkutschenverbindung zwischen Mühlacker und Pforzheim, später sogar bis Wildbad, eingerichtet. Vom Bahnhof Maulbronn (heute: Maulbronn West) gab es Postkutschenverbindungen nach Knittlingen und Maulbronn. Lieb: "Heute, 157 Jahre später, möchte man auch wieder mit der Buswendeplatte eine Busverbindung nach Maulbronn herstellen." 1863 erfolgte der Bau der Anschlussbahn von Pforzheim. Mühlacker wird Badisch-Württembergischer Grenzbahnhof. Selbst der Orientexpress machte hier Halt.

Heutzutage stellt der Bahnhof einen Knotenpunkt im Regional- und Nahverkehr dar. Er ist, wie Lieb ausführte, Drehscheibe des ÖPNV im östlichen Enzkreis. Bis heute fehle der behindertengerechte Ausbau.

Über die bauliche und eisenbahntechnische Vergangenheit des Grenzbahnhofes mit seinen acht Stellwerken hatte eingangs Karl Pritzl in einer Führung informiert. Im Ausstellungsraum des Modelleisenbahnclubs war außerdem die Ausstellung "Modelleisenbahn in Betrieb" zu sehen.

Zu weiteren Führungen am Tag des offenen Denkmals wurde in Mühlacker auf der Burg Löffelstelz, in der Lienzinger Frauenkirche und der Villa Rustica in Enzberg geladen.

(Mühlacker Tagblatt vom 13.09.2010, Seite 14, Text und Foto: Ulrike Stahlfeld)


Vom Löffelstiel zur Löffelstelz

Trotz Urlaubszeit und sommerlicher Hitze erfreut sich die Burgführung einer großen Beliebtheit

In früheren Jahrhunderten musste sich die Anlage gegen ungebetene Besucher zur Wehr setzen, doch seit ihrer Sanierung empfängt die Burgruine Löffelstelz hoch über Mühlacker gerne ihre Gäste. Das Interesse am Wahrzeichen der Stadt ist ungebrochen.

Führung LöffelstelzMühlacker. Die Besucher, die an den Sonntagen, wenn die Burgruine geöffnet ist, in das Innere strömen, kommen längst nicht nur aus Mühlacker. "Zunehmend besuchen auch Auswärtige die Burg", berichtet Sonngard Bodner vom Historisch-Achäologischen Verein Mühlacker.

Bei den sonntäglichen Führungen hat sie bereits Gäste aus Iptingen, Vaihingen und Pforzheim durch die Ruine geführt, deren Überreste von einer wechselhaften Geschichte berichten. Bei Sonngard Bodner lernen die Teilnehmer "Steine zu lesen".

Die Burgwächterin lenkt den Blick auf Details. Drei schwere Gesteinsblöcke an exponierter Stelle, ein Fenster aus gotischen Zeiten - aus Einzelheiten lässt sich die Historie der Burg wie ein Mosaik zusammensetzen. Wie groß das Interesse am historischen Erbe ist, zeigte sich wieder am vergangenen Sonntag. Trotz Urlaubszeit und hochsommerlicher Hitze kamen mehr als 20 Besucher, um an der kostenlosen Führung teilzunehmen. "Wir kennen die Burg bis jetzt nur von außen", erzählte Ruth Flügge aus Schmie.

Blick auf die StadtSie hat die Sanierungs- und Grabungsarbeiten der Scherbabuzzer mit Interesse in der Zeitung verfolgt. Das historische Gemäuer nun mit eigenen Augen und im Detail zu sehen, sei aber noch einmal "etwas ganz anderes". Je nach Wetter zählt Sonngard Bodner an manchen Öffnungstagen bis zu 100 Ausflügler.

Nach der Führung macht sie ihren Zuhörern schnell noch einen Besuch im Heimatmuseum schmackhaft. Dort sind etliche der bei den Grabungen zutage geförderten historischen Fundstücke ausgestellt.

Bis zurück in das zehnte beziehungsweise elfte Jahrhundert reicht die Geschichte der Burg mit dem im Volksmund doch eher ungewöhnlichen Namen Löffelstelz. Woher der stammt? Sonngard Bodner kennt auch die dazu passende Episode. Früher, so erzählt sie, sei die Enzstraße ein eigenständiges Dorf gewesen. Weil sich die Ortschaft aber an der Enz entlang zog, hätten sie die Menschen im Mittelalter mit dem Spitznamen Löffelstiel bedacht - und da war es bis zur Löffelstelz nicht mehr weit.

Spannende Geschichten über die Burg und die Menschen ihrer Zeit gibt es auch am "Tag des offenen Denkmals" am Sonntag, 12. September, zu hören. Weil der Aktionstag unter der Überschrift "Historische Handelswege, Verkehrswege und Pilgerwege" steht, wird in Kostümführungen der Burganlage in enger Beziehung zur Enz als Verkehrsweg auf den Grund gegangen. Sonngard Bodner: "Eventuell ist die Burg nur deshalb hier entstanden, weil es auf Höhe der Lomersheimer Friedhofskapelle eine Furt gab."

Die letzte kostenlose Führung vor der Winterpause findet am vierten Sonntag im September um 15 Uhr statt. Den offiziellen Abschluss der Saison bildet dann die Burgöffnung beim Dürrmenzer Herbst im Oktober mit speziellen Aktionen.

(Mühlacker Tagblatt vom 24.08.2010, Seite 9, Text und Fotos: Ulrike Stahlfeld)


Bauforscher erkundet das alte Dürrmenz

Tilman Marstaller fördert für sein Gutachten auch bislang verborgene Schätze zutage

Das Alte muss dem Neuen weichen: Nach diesem Motto treibt die Stadt Mühlacker den Neuanfang im Dürrmenzer Ortskerns voran. Bevor jedoch die Abrissbagger rollen, gilt es, das historische Erbe für die Nachwelt zu bewahren - zumindest in Form einer umfassenden Dokumentation.

Mühlacker. Die wahren Schätze schlummern häufig im Verborgenen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Haus Hofstraße 17, das unter dem Arbeitstitel Areal Kazenmaier in den Besitz der Stadt gewechselt ist, dem Laien lange Zeit unspektakulär erschien und sich unverhofft als das vermutlich älteste Haus in ganz Dürrmenz erwies; erbaut kurz nach der Zerstörung des Ortes durch Herzog Ulrich 1504.
Herausgefunden hat das der Archäologe und Bauforscher Tilmann Marstaller, der schon im Zuge der Burgsanierung für die Stadt tätig war und derzeit die Bausubstanz im alten Herzen von Dürrmenz begutachtet und dokumentiert. Schattenhafte Konturen an der Wand, in denen sich das unter Putz liegende Fachwerk andeutete, gaben ihm einen ersten Hinweis auf die Bedeutung des Anwesens an der Hofstraße. Von einem Abriss ist keine Rede mehr.

Im Gegensatz zu vielen anderen Objekten im Viertel zwischen Hofstraße, Bischof-Wurm-Platz und Brunnengasse stand die Nummer 17 bislang nicht einmal unter Denkmalschutz. Während die Zukunft dieses baulichen Zeitzeugen gesichert ist, hängt für andere Gebäude - auch solche von heimatgeschichtlicher Bedeutung - vieles von den weiteren Verhandlungen der Stadt mit den Investoren und dem Denkmalschutz ab. "Natürlich prallen in einem Sanierungsgebiet wie diesem verschiedene Interessen aufeinander", macht sich der Experte Marstaller nichts vor. Bemerkenswert sei die Größe des Gebiets, das neu überplant werden soll. "Wir reden von einem Viertel des alten Ortskerns."

Das ehemalige Gasthaus Kanne mit seinem traditionsreichen Festsaal, das Gebäude des zwischenzeitlich umgesiedelten Unternehmens Eisen Schuler mit seiner markanten Fassade, der mächtige Komplex an der Ecke Wiernsheimer Straße und Brunnengasse, in dem einst die legendäre Gaststätte "Schwarzer Adler" untergebracht war - das alte Dürrmenz hat viele interessante Gebäude zu bieten. Zwar will Tilmann Marstaller vor Abschluss seiner Untersuchungen keine Bewertungen zu einzelnen Objekten abgeben, doch in einem dürfte er mit vielen Dürrmenzern übereinstimmen: Ideal wäre es, wenn das gewachsene Bild des Ortskerns entlang der Wiernsheimer Straße und Brunnengasse erhalten bliebe. Allerdings müssten sich dafür die Investoren, denen für Neubauprojekte der Innenbereich bliebe, zu einer Sanierung der alten Bausubstanz bereit erklären. Im Fall der Kanne hatte sich kein solcher Interessent gefunden.

Gezählt sind vermutlich auch die Tage eines alten Magazins hinter dem ehemaligen Eisen Schuler. Auch wenn dem Fachmann beim Gedanken an ein Ende des imposanten Fachwerkkomplexes das Herz bluten mag: Der Aufwand für eine Sanierung und einen Umbau für eine neue Nutzung dürfte jedem Geldgeber zu groß sein. Umso wichtiger ist es dem Bauforscher, dass eine umfassende Bestandsanalyse, inklusive genauer Vermessungen, für die Nachwelt erhalten bleibt, damit spätere Generationen die Ortsgeschichte in allen Facetten nachvollziehen können. "Wir zeigen, wie früher gewohnt wurde, und das Stadtarchiv zeigt, wer hier gewohnt hat."

Der Idealfall wären Investoren, die Alt und Neu harmonisch in Einklang bringen

Marstallers Gutachten ist eine Bedingung des Denkmalschutzes für den Neuanfang, der vielen in Dürrmenz nicht schnell genug geht. Was letztlich überleben und was weichen soll, wird sich in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz und den Investoren entscheiden, die in zentraler Lage neue Wohnanlagen für junge Familie und für betreutes Seniorenwohnen bauen sollen. "Es gibt immer wieder Anfragen, was dort möglich ist", berichtet Winfried Abicht nach einer längeren Vorgeschichte von einem regen Interesse an Dürrmenz.

Entsprechend optimistisch ist Abicht, was den weiteren Werdegang des Sanierungsgebiets betrifft. "Die dicksten Bretter sind durchgebohrt", stellt Bürgermeister Abicht im Rückblick auf die zähen Verhandlungen um den Aufkauf von Grundstücken und Gebäuden fest. Für den Großteil der Mieter seien bereits neue Wohnungen gefunden. Die Stadt habe damit den freien Zugriff auf die "Schlüsselgrundstücke" und könne in den nächsten Monaten im Kontakt mit mutmaßlichen Investoren und in den Beratungen im Gemeinderat die Weichen im Detail stellen: "Wo soll was von wem gebaut werden." Der Idealfall wären Investoren, die Alt und Neu harmonisch in Einklang bringen.

Weil noch einiges an Arbeit ansteht, will die Stadt einen Antrag auf Verlängerung des Landessanierungsprogramms stellen, das offiziell zum Jahresende 2011 ausläuft. Parallel zu den weiteren Planungen könnten nach Einschätzung Abichts noch in diesem Jahr die ersten Abbrucharbeiten beginnen - und ganz Dürrmenz wird, wie Tilmann Marstaller, gespannt verfolgen, was stehen bleibt und was weichen muss.

Spurensuche in Dürrmenz: Archäologe und Bauforscher Tilmann Marstaller aus Rottenburg-Oberndorf dokumentiert im Auftrag der Stadt die Bausubstanz im alten Ortskern. Ein historisches Schmuckstück ist das Gebäude Hofstraße 17. Dunkle Schatten an der Stirnwand, in denen sich die besondere Struktur des unter Putz liegenden Fachwerks abzeichnet, haben den Fachmann auf das unscheinbare Objekt aufmerksam gemacht - und tatsächlich: Das Anwesen aus den Anfangsjahren des 16. Jahrhunderts, unten eine Innenansicht, ist eines der ältesten Häuser überhaupt in Dürrmenz und wird im Zuge der Neugestaltung der Ortsmitte in jedem Fall erhalten bleiben.

 

Spurensuche im Untergrund

Archäologen graben im alten Dürrmenzer Ortskern

Mühlacker. Während Bauforscher Tilmann Marstaller - siehe Artikel oben - an der Oberfläche bleibt, gehen die Archäologen dem alten Dürrmenz auf den Grund. Seit knapp fünf Wochen graben sich Jutta Ritz und Rüdiger Staub Schicht für Schicht hinab in den Untergrund des alten Ortskerns, immer auf der Suche nach Relikten aus den frühen Jahren der Besiedlung.

Der Einsatz im Auftrag des Regierungspräsidiums, der angesichts des geplanten Neuanfangs in Dürrmenz die Spuren der Vergangenheit sichern soll, ist nicht vergeblich geblieben. Unter anderem sind die Fachleute auf dem Gelände hinter der Hofstraße 17 auf Überreste alter Mauern gestoßen und auf eine "Brandschicht", die von einstigen Zerstörungen zeugt. Die Vermutung: Die Bruchstücke könnten noch älter sein als das Haus Hofstraße 17, das nach der Zerstörung durch Herzog Ulrich von Württemberg 1504 entstand. Oder aber, sie zeugen unmittelbar von den Verwüstungen, die der Überfall hinterließ.

Für ihre Untersuchungen haben die Experten einen "Profilgraben" angelegt, um den Untergrund zu sichten, und hinter dem Haus Hofstraße 17 zwei rechteckige, wenige Quadratmeter große Gruben ausgehoben, in denen die Archäologen - symbolisch gesehen - hinabsteigen ins mittelalterliche Dürrmenz. Noch muss wegen der Ausgrabungen die Geschichte nicht umgeschrieben werden. "Die bisherigen Funde", sagt Rüdiger Staub, "bestätigen, was wir bisher wissen." Unter anderem gibt es Hinweise auf ein so genanntes "Grubenhaus", und das bislang älteste Fundstück ist die Scherbe eines Kruges oder Topfes, die auf das 9. oder 10. Jahrhundert datiert wird.

Grabungsleiterin Jutta RitzNach den bisherigen Eindrücken liegt der Verdacht nahe, dass unter der Oberfläche weitere unentdeckte Schätze schlummern. "Eine großflächige Grabung", sind Ritz und Staub überzeugt, "wäre ergiebig."

Vorerst allerdings ist der Einsatz in Dürrmenz begrenzt; in zwei Wochen sollen die Ausgrabungen zu Ende gehen. Ob sich bis dahin ermitteln lässt, ob das alte Herzstück von Dürrmenz tatsächlich - wie vermutet wird - von einem Ortsgraben umzogen war, ist fraglich. Die Entscheidung über weitere Einsätze auf den Freiflächen des Ortskerns fällt anschließend in Abstimmung des Regierungspräsidiums mit der Stadt. Fest steht bereits, dass die Ergebnisse der Dürrmenzer Spurensuche im Jahresband "Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg" vorgestellt werden.

 

Fundstück: Grabungsleiterin Jutta Ritz zeigt die Scherbe eines Kruges, die wahrscheinlich aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammt.

 

Info: Turmenz und Dorminca

Eine Urkunde vom 4. August 779 besagt, dass ein gewisser Hagino dem Kloster Lorsch Güter zu Dürrmenz schenkt (urkundliche Ersterwähnung von Dürrmenz als "Turmenz" oder "Dorminca" im Lorscher Codex). Um die Mitte des 12. Jahrhunderts erscheinen urkundlich erstmals die Herren von Dürrmenz durch die Erwähnung der Andreaskapelle als ihrer Eigenkirche. Die Burg Dürrmenz, später "Löffelstelz" genannt, wird im 13. Jahrhundert wahrscheinlich von Heinrich I. von Dürrmenz erbaut. Der Weiler Mühlacker ("Mulnagger") ist erst 1292 urkundlich nachzuweisen. Mit der Übergabe des Klosters an Herzog Ulrich 1504 werden auch die Klosterdörfer Dürrmenz und Mühlacker württembergisch. Stadtarchiv Mühlacker

(Mühlacker Tagblatt vom 20.08.2010, Seite 9, Text und Fotos: Thomas Eier)


Führung ruft Erinnerungen wach

"Gängeles- und Stäffelesrundgang" macht die Entwicklung der Stadt Mühlacker sichtbar

Der Tourismus in Mühlacker bekommt neue Impulse. Geschulte Stadtführer haben sich in der Stadt auf Entdeckungsreise begeben und bringen nun ihr Wissen unters Volk. "Gängele und Stäffele" standen bei der jüngsten Führung auf dem Programm.

StadtrundgangMühlacker. Im einstigen Weiler Mühlacker, zwischen Enz und drei Bächen gelegen, wuchs mit der verstärkten Ansiedlung von Industriebetrieben und der Zunahme der Bevölkerung der Bedarf an neuen Wohngebieten. Straßen wurden mitunter erst angelegt, nachdem Häuser bereits gebaut waren, die bis dahin über kleine Fußwege, sogenannte "Gängele" und "Stäffele" verbunden gewesen waren.
Viele dieser alten Verbindungen sind bis heute erhalten. Jetzt machten sich 77 neugierige Teilnehmer auf die Spuren dieser alten Wege. Stadtführer Manfred Kugler hatte einen Rundgang mit zwölf Stationen ausgearbeitet. Seine Kollegin Doris Ulrich reichte ihm als "wandelndes Archiv" an jedem Haltepunkt die passenden Fotografien des alten Mühlacker aus ihrem Fundus.
"Ein alter Stich, auf dem das Türmchen der Kelter klar erkennbar ist, und das Foto von etwa 1850 machen deutlich, dass fast alles von Alt-Mühlacker unter der B10, dem heutigen Rathaus und dem Mühlehof verschwunden ist", begann Kugler und weckte sofort Erinnerungen bei seinen Zuhörern. "Weißt du noch, das Café Central und der alte Mühlehof?", "Da drüben stand doch die Schmidt-Schmiede, oder?", war in der Runde zu hören. Ein Pferdegespann ist auf dem Foto zu sehen, auf dem Weg zur Bauerschen Mühle. Vom Kelterplatz ging es hinauf zum Uhlandbau, der in 99 Tagen erbaut wurde, "und von dem noch nie über Abriss geredet wurde", bemerkte Kugler hintergründig.
Weiter dann zur Schillerstraße, über die Hindenburgstraße wieder hinab zum Igelsbach, ein kleines Stück die Bahnhofstraße entlang und links neben der Drehscheibe nochmals hinauf auf die alte Eisenbahnbrücke zur Gedenkstätte von Pfarrer Anton Müller und dem ersten katholischen Kirchle. Vor dort führte kein "Stäffele", sondern eine breite Treppe zur Unterführung unter der Bahn. "Bahn und Post gehörten einst eng zusammen", erzählte der Stadtführer und dröselte Mühlackers etwas verwirrende badische und württembergische Bahngeschichte auf. Der Bau der Bahn 1853 gab den Anstoß, dass sich das dörfliche Mühlacker in ein städtisches verwandeln sollte.
Nächstes Ziel: die Lienziger Brücke, von dort über ein Stäffele hinab in die Industriestraße, weiter über ein "Gängele" hinauf ins Gebiet Goldshalde und dann noch ein Stückchen höher in das Lindach-Gebiet. "Diese Höhenlage hat schon im 17. Jahrhundert der Türkenlouis - Erbauer der Eppinger Linie - zu schätzen gewusst. Er baute dort, wo heute der Kindergarten steht, eine Chartaque und eine zweite am heutigen Senderhang gegenüber", berichtete Kugler.
Das nächste "Gängele" führte wieder hinunter in die Kelterstraße, dem ehemaligen Vaihinger Weg, hinter dem ehemals noch ein kleiner Bach floss und dann, am Ende der Kelterstraße, blieb nur noch ein kleines "verwunschenes Gängele" mit ländlicher Idylle, das kaum einer kannte.
Drei Stunden waren wie im Fluge vergangen, als die Führung zu Ende war. Manfred Kugler hat es verstanden, in lebendiger Weise ein Stück Stadtgeschichte aufzuarbeiten und seinen Zuhörern nahe zu bringen. Er machte Zusammenhänge deutlich und zeigte anhand der heute noch erhaltenen Stadtvillen die vielfältige Industriegeschichte der Stadt auf.
Den Niedergang oder Verfall bedeutender Industrien, die einst die treibende Kraft für Mühlackers Fortschritt waren, so vorgeführt zu bekommen, stimmte vor allem die älteren Teilnehmer wehmütig.
Mühlackers "braune" Vergangenheit oder die Geschichte der Kirchen, aber auch heitere Episoden, wie die vom laut singenden Pfarrer Schmidt während der evangelischen Gottesdienste im Saal des ehemaligen Gasthauses zum Bären, haben den Teilnehmern interessante und berührende Einblicke in ihre reiche Stadtgeschichte ermöglicht.

(Mühlacker Tagblatt vom 17.08.2010, Seite 9, Text und Foto: Eva Filitz)


Urweizen ist noch ein Geheimtipp

Manfred Rapp aus Dürrmenz befasst sich mit alten Getreidesorten

Manfred RappMühlacker. Das Wissen der Verbraucher über das Grundnahrungsmittel Getreide sei erschreckend gering, bedauert der Dürrmenzer Manfred Rapp. Der Betreiber eines Naturkostfachgeschäftes befasst sich schon längere Zeit mit weiteren Mitstreitern aus dem Bio-Bereich mit alten Getreidesorten, dem Urgetreide. In Dürrmenz und in der Nähe der Villa Rustica in Enzberg hat Rapp drei kleine Urweizenfeldchen angelegt. Gestern Nachmittag hatte der Dürrmenzer zu einer Informations-Radtour zu den Urweizenfeldern eingeladen.

Manfred Rapp bedauert, dass die alten Getreidesorten, wie beispielsweise der Emmer, in Vergessenheit geraten seien. Für die moderne Landwirtschaft sei der Anbau nicht attraktiv. "Während ein Hektar Weizenanbaufläche durchschnittlich sechs Tonnen Ertrag bringt, sind es beim Dinkel rund 3,5 Tonnen, beim Emmer aber höchstens zwei Tonnen", sagt Rapp. Emmer ist eine Abart des Urwildeinkorns. Daraus entstand vor etwa 10000 Jahren durch natürliche Kreuzung mit einer Grasart und anschließender Chromosomenverdoppelung der Wildemmer. Der Dürrmenzer Geschäftsmann: "Der Emmer ist der Vorläufer des Weizen."

In Anatolien, Rumänien und Ägypten werde der Urweizen noch angebaut, erläutert Rapp. Er selbst habe das Saatgut von einer Gendatenbank in Sachsen-Anhalt. Während Rapp vor seinem Geschäft in Dürrmenz nur eine kleine Schaufläche mit Urweizen hat, wird dieser im westlichen Enzkreis in größeren Flächen von Hobby-Bauer Michael Vielsack in Ersingen angebaut; ebenso von Bio-Bauer Gerhard Gay aus Nöttingen. Gay sei der einzige Landwirt der Gegend, der Urweizen in größerem Umfang anbaue, berichtet Rapp. Der Biobauer kommt ohne Pflanzenschutzmittel aus. Rapp: "Die alten Getreidesorten sind, was die Schädlinge betrifft, nicht so empfindlich wie die heutigen Sorten." Der Nöttinger beliefert einen Pforzheimer Bäcker, der daraus Backwaren aus Emmer, etwa Brot und Kuchen, herstellt.

In Kreisen der Naturkostfans habe sich längst herumgesprochen, wie gesund Urweizen sei. Er schmecke vollmundig und nussig, meint Emmer-Liebhaber Rapp. Dies hänge mit den Inhaltsstoffen zusammen. Rapp geht davon aus, dass der Emmer die gleiche Erfolgsgeschichte haben wird wie der Dinkel in den letzten 20 Jahren. Der Dürrmenzer Naturkostfachmann: "Dinkel war früher ein Nischenprodukt, was er heute nicht mehr ist." Die meisten Allergiker würden biologisch angebauten Urweizen vertragen. Überhaupt sei Weizen sehr gesund, meint Manfred Rapp. Er habe unter den Getreiden die höchsten Gehalte der Nervenvitamine B1 und B3 sowie Eisen, Magnesium und wertvolle Ballaststoffe. Diese Werte würden jedoch nur für Vollgetreide gelten.

Bei seiner Radtour ging der Dürrmenzer Geschäftsmann auch auf die aktuell in der Landwirtschaft eingesetzen Getreidesorten ein. Damit hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, die Unterschiede zwischen alten und neuen Sorten kennenzulernen.

(Mühlacker Tagblatt vom 07.08.2010, Seite 9, Text und Foto: Gerhard Franz)


Neues Bündnis will Kulturgut bewahren

Schwäbischer Heimatbund stellt die Weichen für die Gründung einer Regionalgruppe

Einen "weißen Fleck" auf der Landkarte seiner Orts-, Stadt- und Regionalgruppen will der Schwäbische Heimatbund tilgen. Der Verein plant die Gründung einer Regionalgruppe Enz-Stromberg.

Der Heimatbund zeigt Präsenz in der Region: Vorsitzender Fritz-Eberhard Griesinger (3. v. li.) mit den Unterstützern einer Regionalgruppe (v. re.): Konstantin Huber, Andreas Felchle, Helmut Wagner, Ulrich Hagenbuch, Winfried Abicht, Roland Straub und Wolfgang Rieger.Mühlacker. Vor rund 80 Zuhörern stellten der Vorsitzende Fritz-Eberhard Griesinger und der Geschäftsführer Dr. Siegfried Roth die Strukturen und Ziele des Schwäbischen Heimatbunds in der altehrwürdigen Kelter vor.
Was aber könnte schwäbischer sein als die Mundartgedichte von Josef Eberle, alias "Sebastian Blau", Schwabens größtem Reimeschmied des 20. Jahrhunderts? Die erste Stunde gehörte daher dem Rottenburger Rolf Schorp, der die hintersinnigen, schwäbisch-knitzen und im breiten heimatlichen Dialekt verfassten Gedichte seines Landsmanns nachgerade zelebrierte und den Dichter und Gründer der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, auf alten, längst verloren geglaubten Tondokumenten selbst zu Wort kommen ließ.
Denkmalschutz, Naturschutz und Landesgeschichte: Auf diesen drei Säulen ruht die Arbeit des Schwäbischen Heimatbunds, der im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen feierte und der die Region Stromberg, Heuchelberg und Zabergäu zur Kulturlandschaft des Jahres kürte. Die historische Kelter von Mühlacker war für den Heimatbund kein Neuland. Auf seine Einladung hin tagten hier im Juni 2009 Bürgermeister, Stadtplaner, Archivare und Historiker zum Thema "Historische Ortsanalyse". Er selbst, so Vorsitzender Griesinger, habe sich 2008 die Arbeit der Scherbabuzzer vor Ort angesehen und bei dieser Gelegenheit auch den Heimatbund vorgestellt. Mit dem Ergebnis, dass eine Menge neuer Mitglieder gewonnen wurden. Auf "ungefähr 120 bis 150" schätzte er die Zahl derer, die derzeit aus dem Raum Mühlacker dem Schwäbischen Heimatbund angehören. Der Verein betreue und bewahre das von den Vorfahren hinterlassene Kulturgut und gebe es an die nachfolgenden Generationen weiter. Er organisiert Reisen, Vorträge, Seminare und Tagungen. Zusammen mit dem Schwäbischen Albverein und dem Schwarzwaldverein erfasst der Heimatbund die Kleindenkmale im Land. Er unterhält Arbeitskreise, die sich mit der Geschichte, dem ländlichen Raum und dem Landschaftsverbrauch auseinandersetzen, er fordert die Weiterführung der Ausgrabungen an der Heuneburg und errichtet ein großes Naturschutzzentrum.
Mit der Gründung einer Regionalgruppe Enz-Stromberg, unterstrich der Vorsitzende, wolle man den Initiativen vor Ort nichts "überstülpen", sondern mit den vorhandenen Strukturen zusammenwirken und "den lokalen Vereinen eine Resonanz auf Landesebene verschaffen". Gemeint sind Institutionen wie die Scherbabuzzer, der Historisch-Archäologische Verein oder der Heimatverein Lomersheim, deren Vertreter neben vielen anderen zu den Besuchern der Auftaktveranstaltung gehörten.

(Mühlacker Tagblatt vom 8.05.2010, Seite 12, Text und Foto: Rainer Appich)


Steine geben Opfern Namen

Steine geben Opfern NamenMühlacker Schüler bringen sieben Schicksale ans Licht

Mit der Verlegung weiterer Stolpersteine durch Gunter Demnig in Mühlacker wird eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte in der Stadt erhellt. Die Vorarbeit für die Aktion haben Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) geleistet.

Mühlacker. Der Kölner Künstler Gunter Demnig war am Dienstag bereits zum zweiten Mal in Mühlacker, um die goldglänzenden Erinnerungssteine zu verlegen und damit den bisher unbekannten Opfern der Nazi-Diktatur in Mühlacker ein persönliches Denkmal zu setzen. Schlicht, aber umso effektvoller wirken die kleinen Quadrate mit ihrer Inschrift, die seit gestern weitere sieben leidvolle Schicksale für die Passanten der Stadt greifbar machen. Die Vorarbeit für die Verlegung der Steine haben Schüler des THG im Rahmen ihres Seminarkurses Kunst/Geschichte geleistet. Sie recherchierten in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und dem Historisch-Archäologischen Verein (HAV) die Biografien der Opfer (wir berichteten).
Während das Sammeln der Fakten und Daten ein langer Prozess war, ging die abschließende Verlegung der Stolpersteine gestern Nachmittag schnell über die Bühne. Künstler Gunter Demnig, ausgestattet mit Maurerkelle, verschiedenen anderen Werkzeugen und Knieschutz, brauchte nur wenige Minuten, um das Andenken an die Opfer im Boden für die Ewigkeit einzulassen. Zigtausend Steine hat er in Hunderten von Städten bereits verlegt und dafür unter anderem 2005 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus den Händen des Bundespräsidenten Horst Köhler erhalten. In Mühlacker verlegte Demnig im Beisein von 30 Zuschauern am Weg zur Löffelstelz, an der Enzstraße, der Schulstraße und anschließend in Lomersheim vor dem Rathaus sowie in der Herzenbühlstraße in Lienzingen Stolpersteine.
Christiane Bastian-Engelbert vom HAV betonte gestern noch einmal, wie wichtig die Erinnerungssteine sind. "Die Menschen haben alle keinen Grabstein - heute bekommen sie einen, und dadurch sind sie fortan in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit präsent." Aus der Bevölkerung gebe es mit Blick auf die Stolperstein-Aktion viel "positive Resonanz", sagte Bastian-Engelbert auf Nachfrage unserer Zeitung. Sie habe im Vorfeld die Polizei über die Stolperstein-Verlegung informiert, so das HAV-Mitglied. "Im Osten verlegt Demnig nur unter Polizeischutz." Und in Lomersheim gebe es ja auch eine rechte Gruppierung. Die Mühlacker Zwölftklässler hätten im Rahmen der Aktion sehr viel bewegt, so Bastian-Engelbert. "Die 15 Schüler waren sehr kreativ."
Es sei schon etwas Besonderes gewesen, die Folgen der Nazi-Diktatur vor Ort zu recherchieren. Deshalb, so der Gymnasiast Egemen Korkmaz, hätten sie für die Ausstellung in der Stadtbibliothek auch den Titel "Näher als man denkt - Schicksale im Nationalsozialismus" gewählt. Die Ausstellung ist noch bis zum 4. Mai zu sehen. "Die Arbeit war sehr spannend", sagte die 18-jährige Sophie Simons, die mit ihrer Gruppe Zeitzeugen in Mühlacker befragt hat und gestern jeweils eine weiße Rose auf die frisch verlegten Stolpersteine legte.

Gymnasiasten skizzieren die Lebensschicksale

Beim Einlassen der Steine war auch Oberbürgermeister Frank Schneider dabei, der die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen hatte. Der stellvertretende Tiefbauamtsleiter Jörg Soulier war ebenso zugegen. Seine Abteilung hatte die verschiedenen Stellen, an denen die Steine verlegt wurden, für den Kölner Aktivisten vorbereitet. Auch THG-Schulleiter Thomas Mühlbayer befand sich unter den Zuschauern. "Ich bin stolz auf meine Schüler", sagte er und merkte an, dass durch Projekte wie dieses das Leitbild der Schule, zu dem unter anderem Toleranz als Grundwert gehöre, gelebt werde.
Während Demnig sich an die Arbeit machte, wurde von einem der THG-Schüler das Lebensschicksal des jeweiligen Opfers kurz skizziert. Beim Auftakt der Aktion erfuhren die Zuschauer, dass Friedrich Schwab, der zuletzt am Fußweg zur Löffelstelz wohnte, nicht mehr am Krieg teilnehmen wollte und deshalb in der Ukraine wegen "Wehrkraftzersetzung" erschossen wurde. An sein Schicksal erinnert seit gestern ein kleiner Stein im Weg zur Burgruine Löffelstelz.

(Mühlacker Tagblatt vom 28.04.2010, Seite 9, Text und Foto: Maik Disselhoff)


Ausstellung erinnert an Nazi-Opfer

Menschen aus Mühlacker ermordet – Gymnasiasten haben neue Fakten zusammengetragen – Beitrag zu Stadtgeschichte

Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums haben Daten und Fakten für eine Ausstellung über Menschen aus Mühlacker gesammelt, die Opfer der Nazi-Herrschaft wurden. Gestern Abend fand die offizielle Eröffnung in der Stadtbibliothek statt.

Mühlacker. Was die Besucher bis zum 4. Mai bei der Ausstellung „Näher als man denkt – Schicksale im Nationalsozialismus“ in der Bücherei während der üblichen Öffnungszeiten mittels Bild- und Texttafeln lernen, ist ebenso beeindruckend wie erschreckend. Vorgestellt werden Männer und Frauen, die unter dem NS-Regime deportiert und getötet wurden. An elf von ihnen erinnern bereits von dem Künstler Gunter Demnig verlegte „Stolpersteine“. Jetzt haben 15 Zwölftklässler in einem Seminarkurs des Gymnasiums unter der Leitung der Lehrer Isabelle Ziegler und Reinhard Dieterich, unterstützt vom Mühlacker Stadtarchiv und dem Historisch-Archäologischen Verein (HAV), in akribischer Recherchenarbeit Material über weitere sieben Opfer zusammengetragen, zu deren Gedenken am nächsten Dienstag, 27. April, Gunter Demnig vor ihrem letzten Wohnort in Mühlacker, Lomersheim und Liezingen abermals symbolische Stolpersteine in den Gehweg einlassen wird.

Passanten werden so künftig auf grausame Verbrechen hingewiesen und erfahren etwa, dass Richard Bertis als Kommunist im KZ Heuberg landete und schließlich an den Folgen von Misshandlungen durch Nazi-Schergen starb. Friedrich Schwab, der vom Krieg genug hatte, wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ in der Ukraine hingerichtet. Marthe Bracher starb an Diphtherie, hervorgerufen wohl durch Impfversuche im KZ Struthof. Der in eine so genannte „Heilanstalt“ eingewiesene Ernst August Stumm fiel der Euthanasie zum Opfer. Die Roma Maria Kreuz und ihr Sohn Paul wurden ebenso in Auschwitz ermordet wie der Jude Toni Simon.

Oberbürgermeister Frank Schneider sprach am Donnerstagabend von einer „ganz besonderen Ausstellung“ – zum einen, weil darin „eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“ behandelt werde, zum anderen, weil die mit neuen Erkenntnissen aufwartende Ausstellung, zu der auch ein Dokumentarfilm und Interviews mit Zeitzeugen gehören, von Schülern zusammengestellt worden sei, die damit ihrerseits einen Beitrag zur Stadtgeschichte geleistet hätten. Die Bücherei sei der passende Ort, weil hier „alle Generationen ein- und ausgehen“. Und gerade Jüngere fühlten sich von einer optischen Darstellung wohl mehr angesprochen als etwa durch ein Buch. Mit ihrer Tätigkeit, die der Schüler Maximilian Thum zuvor kurz umrissen hatte, hätten die Seminarkurs-Teilnehmer auch die Grundlage für die zweite Verlegung von Stolpersteinen vorbereitet, so Schneider. Sogar eine Broschüre, in der alle Steine und ihre Lage auf einer Karte verzeichnet sind, sei dazu entstanden.

Christiane Bastian-Engelbert vom HAV meinte, die Ergebnisse der Arbeit der Schüler könnten sich sehen lassen. Obwohl die Recherchen keineswegs einfach gewesen seien: Manche Zeitzeugen wollten sich nicht erinnern, andere wiederum weigerten sich, über „die schlimme Zeit“ zu sprechen. Um an Informationen zu kommen, hätten die jungen Forscher und ihre Helfer nicht nur im Stadtarchiv gewühlt, sondern auch auswärts – zum Beispiel im Staatsarchiv Ludwigsburg – und im Internet nach Spuren gesucht. Obgleich die Mühlacker Gymnasiasten nicht alle Lebensläufe ohne Brüche und Lücken nachvollziehen konnten, steht für Bastian-Engelbert fest: Die Aufarbeitung von Geschichte und Erinnerungsarbeit gerade durch Jugendliche seien wichtige Bestandteile des Widerstands gegen das Vergessen.

„In unserer Schule wird das Thema NS-Zeit oft und vielfältig behandelt“, sagte THG-Leiter Thomas Mühlbayer. Das Leitbild der Schule sehe vor, dass sich die jungen Menschen zu demokratischen und kritischen Menschen entwickeln. Neben Wissen würden auch Werte vermittelt und Verständnis und Toleranz für andere Kulturen geweckt – Werte, die die Nazis mit Füßen traten. Mit der Fleißarbeit habe jeder der 15 Schüler auch persönlich „viel gewonnen“, so Mühlbayer.

 
Die Ausstellung über „Schicksale im Nationalsozialismus“ in der Stadtbibliothek weckt großes Interesse. Rechtes Bild: Bei der Eröffnung (v. li.): THG-Lehrerin Isabelle Ziegler, Christiane Bastian-Engelbert (Historisch-Archäologischer Verein), Mühlackers Oberbürgermeister Frank Schneider, die Schüler Maximilian Thum und Egemen Korkmaz und Lehrer Reinhard Dieterich.

(Mühlacker Tagblatt vom 23.04.2010, Seite 9, Text und Foto: Thomas Sadler)


Auf den Spuren der Steinzeitjäger

Wetter erinnert an die Eiszeit: Heimatkundlicher Sonntagsspaziergang führt ein Dutzend Teilnehmer in das Schönenberger Tal

Heimatkundlicher SonntagsspaziergangMühlacker. Ein eiszeitlicher Rentierjäger hat kurzzeitig an einem kleinen Weiher im Schönenberger Tal sein Lager aufgeschlagen, und sein Rastplatz war eine der Stationen auf dem zweiten heimatgeschichtlichen Sonntagspaziergang des Historisch-Archäologischen Vereins Mühlacker.

Ein knappes Dutzend Unerschrockener trotzte den Windböen und dem Regen und folgte Sonngard Bodner auf dem Weg "Vom Mammutzahn zum Fürstengrab" von der alten Bahnbrücke über die Ulmer Schanz zum Schönenberger Tal.

Mammuts, Wollnashörner und riesige Rentierherden seien während der letzten Eiszeit durch die Region gezogen, erzählte die Heimatkundlerin. Beweis dafür: In den 50er Jahren sei, wie Bodner erinnerte, auf dem Areal der Ziegelei ein rund 2,5 Meter großer Mammut-Stoßzahn zutage gefördert worden. Bearbeitete Rentierstangen deuteten auf ein Lager aus dem späten Tertiär hin und Steinbeile, die in den 30er Jahren am Südhang bei der Bismarckstraße gefunden wurden, auf eine jungsteinzeitliche Ansiedlung aus dem fünften Jahrtausend vor Christi. Vermutet werde auch ein keltisches Dorf auf dem Gelände des ehemaligen Ziegelwerks. Dafür sprächen sowohl die nahen Grabhügel, als auch einige wenige Siedlungsspuren, die in den 30er Jahren beim Lehmabbau entdeckt wurden.

Allerdings, bedauerte die Heimatgeschichtlerin, seien die Schaufeln des Löffelbaggers "schon ein arg grobes Grabungsgerät gewesen". Inzwischen sei die ehemalige Lehmgrube teilweise wieder verfüllt und habe sich zu einem Biotop entwickelt, in dem Feldhasen und Füchse heimisch geworden seien.

Welcher Methoden sich die eiszeitlichen Jäger bedienten, um ein Feuer zu entzünden, und welche Techniken sie auf der Jagd anwandten, erklärte an seinem "Rastplatz" im Schönenberger Tal Oliver Neumaier von der Horrheimer Natur- und Wildnisschule und Steinzeitwerkstatt "Einfach Natur".

(Mühlacker Tagblatt vom 13.04.2010, Seite 8, Text und Foto: Rainer Appich)


Schüler erkunden Opfer-Schicksale

Stolperstein-Aktion wird fortgesetzt - Zwölftklässler des Theodor-Heuss-Gymnasiums sammeln Daten

Die Teilnehmer eines Seminarkurses am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass in Mühlacker und den Stadtteilen bald weitere Stolpersteine verlegt werden können, die an das Schicksal von Opfern des NS-Regimes erinnern.

Schüler erkunden Opfer-SchicksaleMühlacker. Nicht nur weit entfernt, sondern möglicherweise in der unmittelbaren Nachbarschaft haben Menschen gelebt, die aus den unterschiedlichsten Gründen zu Opfern der Nationalsozialisten wurden. Dies haben der Historisch-Archäologische Verein (HAV) und das Mühlacker Stadtarchiv im vergangenen Jahr deutlich vor Augen geführt, als auf ihre Initiative hin der Künstler Gunter Demnig elf so genannte Stolpersteine in den Gehweg einließ - jeweils direkt vor dem letzten Wohnort der Opfer. Die Aktion, die, wie Christiane Bastian-Engelbert vom HAV zurückblickt, auf "überwältigendes Interesse" gestoßen ist, wird nun fortgesetzt: Archiv und HAV haben in engagierten Schülern und Lehrern des THG neue Kooperationspartner gefunden. Und die Unterstützung ist willkommen: Schließlich sei es nicht einfach, weitere Daten zusammenzutragen, die Recherchemöglichkeiten in Mühlacker selbst seien weitgehend ausgereizt. Namen von möglichen weiteren Opfern allein genügten nicht, diese müssten um die relevanten biographischen Daten ergänzt werden.
Diese Aufgabe haben sich 15 Zwölftklässler auf die Fahnen geschrieben, die seit Beginn des Schuljahres an einem von den Pädagogen Isabelle Ziegler und Reinhard Dieterich geleiteten fächerübergreifenden Seminarkurs teilnehmen. Im Rahmen der zeitaufwendigen Arbeit bereiten die an Mühlacker und der Lokalhistorie interessierten jungen Leute gemeinsam und in Gruppen die Stolperstein-Verlegung, eine zum Thema passende Ausstellung in der Stadtbibliothek, einen Dokumentarfilm und einen Flyer vor. Dafür haben sie, ausgehend von den Erkenntnissen der Heimatforscherin Elisabeth Brändle-Zeile, eine intensive Spurensuche aufgenommen, die sie unter anderem ins Staatsarchiv nach Ludwigsburg geführt hat, wo dessen Mitarbeiter im Vorfeld die "Aktenberge" gesichtet und interessantes Material zu Tage gefördert haben.
"In den meisten Fällen wurden wir fündig", berichtet Geschichtslehrerin Isabelle Ziegler und kündigt an: "Maximal sieben neue Steine werden am 27. April verlegt - in Mühlacker und wohl auch in Dürrmenz und Lienzingen." Im Einzelfall bestehe allerdings noch Klärungsbedarf, weshalb sie jetzt noch keine Namen verraten wolle.
War Mühlacker tatsächlich der letzte freiwillig gewählte Wohnort der Opfer? Unter anderem nach einer Antwort auf diese Frage haben die 17-jährigen Schülerinnen Miriam Kornher und Sarah Link in dieser Woche in Ludwigsburg gesucht. "Die Spurensuche ist aufregend", betont Sarah, "die tragischen Schicksale werden lebendig." Doch leider seien viele Dokumente vernichtet worden. "Vielleicht können wir durch die Befragung von Zeitzeugen mehr herausfinden", hofft Miriam.
Der Erfolg auf diesem schwierigen Terrain ist allerdings ungewiss - gelte es doch, wie Christiane Bastian-Engelbert weiß, auch mit den Nachkommen zu sprechen. Und die Zeit drängt: Ende Januar wird Isabelle Ziegler dem Künstler die Daten übermitteln. Doch mit der Stolperstein-Verlegung im April wird das Interesse an der Mühlacker Geschichte und dem Schicksal der vom NS-Regime Verfolgten nicht aufhören, ist die Lehrerin überzeugt. Auch in der Mühlacker Bevölkerung werde die Aktion gegen das Vergessen auf ein möglichst großes Echo stoßen, hofft sie.

Wer das Projekt mit weiteren Informationen oder einer Spende unterstützen möchte, kann sich unter Telefon 07041/876322 an das Mühlacker Stadtarchiv wenden.

(Mühlacker Tagblatt vom 21.01.2010, Seite 8, Text und Foto: Carolin Becker)