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Die Villa Emrich mahnt zur Erinnerung

Stadtführung in Mühlacker beschäftigt sich mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte

Es gibt den Uhlandbau und die Villa Emrich, es gibt die Stolpersteine mit den Namen der Opfer: Wer die Augen aufmacht und sich ein wenig mit der Vergangenheit der Stadt beschäftigt, kommt in Mühlacker am traurigsten Kapitel deutscher Geschichte nicht vorbei.

Bei der Stadtführung stellt Christiane Bastian-Engelbert den Teilnehmern in der Villa Emrich, in der heute ein Kindergarten untergebracht ist, die Familien- und Firmengeschichte vor.Mühlacker. Wichtig ist, den Blick zu schärfen, und genau das ist das Ziel von Christiane Bastian-Engelbert, die sich am Wochenende gemeinsam mit knapp 50 Teilnehmern an einer Stadtführung auf Spurensuche begeben hat. In diesem Fall führte die Zeitreise in die dunkelste Epoche der jüngeren Geschichte und beschäftigte sich nicht mit Baudenkmalen oder historischen Relikten, sondern mit der Erinnerung an Menschen und ihr Schicksal.

Wo heute die Villa Emrich einen Kooperationskindergarten beherbergt, lebte einst die Familie, die dem Haus seinen Namen gab, und wo heute der Uhlandbau als Veranstaltungssaal und Mensa für die Schüler dient, erwarb sich Alfred Emrich bleibende Verdienste um die Stadt.

Am früheren Wohnsitz stellte die ehrenamtliche Stadtführerin Christiane Bastian-Engelbert die wichtigsten Stationen aus dem Leben des jüdischen Fabrikanten und seiner Familie vor, vom Erfolg der früheren Jahre in Mühlacker bis zur Ermordung im KZ Auschwitz. Schwarz-Weiß-Fotos zeigten, wie die Emrichs lebten, bevor sie 1939 vor dem Nazi-Terror nach Frankreich flohen. Sie freue sich, sagte Bastian-Engelbert, dass neben einigen Zeitzeugen auch viele jüngere Besucher Interesse am Schicksal der jüdischen Familie zeigten und so die Erinnerung wachgehalten werde: „Das macht Mut  !“

Für Manfred Bader ist die Geschichte der Emrichs eng mit seiner persönlichen Geschichte verbunden. „Meine Mutter war bei der Familie in Stellung“, erzählt der Teilnehmer an der Stadtführung. Zur Hochzeit habe sie einst von ihrem Arbeitgeber ein Gläser-Set geschenkt bekommen, das er, so Bader, heute noch besitze. „Sie hat immer in den höchsten Tönen geschwärmt.“ Wie Bader, der in Mühlacker in der Goldshalde aufgewachsen ist und heute in Niefern wohnt, kennen viele Zeitzeugen Alfred Emrich als einen sehr sozialen Menschen. „Die Firma hatte eine Werkskantine, das war nicht üblich“, berichtet ein anderer Teilnehmer der Führung, der Sohn des ehemaligen Prokuristen. Auch die Pensionskasse und ein firmeneigenes Bad seien zu jener Zeit die Ausnahme gewesen. „Das Bad war manchmal sonntags für alle Bürger geöffnet.“

Seit 1999 erinnern die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunther Demnig, eingelassen in den Schulerweg vor dem ehemaligen Personaleingang der Villa Emrich, an die Opfer der Nazi-Herrschaft in Mühlacker, zu denen nicht nur der jüdische Schmuckfabrikant, sondern auch Mitglieder der kommunistischen Partei gehörten. Nach Schätzung des Stadtarchivs verloren etwa 20 bis 25 Einwohner der Stadt unter dem Terrorregime im Dritten Reich ihr Leben.

Nachgefragt

Elisabeth Teschner
Die 83-Jährige erlebte die Nazi-Herrschaft als Kind, und dennoch ist ihr manches in Erinnerung geblieben. Sie findet es wichtig, dass dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

„Zu uns Kindern hat man nichts gesagt“

Elisabeth Teschner hat am Samstag an der Stadtführung zur Geschichte derFamilie Emrich teilgenommenWie haben Sie die Geschichte der Mühlacker Fabrikanten-Familie Emrich erlebt, die 1942/43 im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet wurde?

Ich war damals ja noch ein Kind. Aber ich erinnere mich, dass, solange es die Firma Emrich in Mühlacker gab, zunächst alles ganz normal war. Kein Mensch hätte jemals Anstoß daran genommen, dass das andere Leute sein sollen. Als Kind habe ich es noch nicht bewusst mitbekommen, dass die Familie auf einmal nicht mehr da war.

Haben Sie noch andere Erinnerungen an die Nazi-Zeit in Mühlacker?

Ja, in unserer Nachbarschaft gab es eine Frau, die war immer kränklich. Dann hieß es auf einmal, sie sei „geholt“ worden. Zu uns Kindern hat man nichts gesagt. Selbst wenn die Eltern damals etwas gewusst hätten, hätten sie sich gehütet, uns etwas zu sagen.

Wie empfinden Sie die Zeit rückblickend?

Als schlimm  ! Ich kenne einen Mann, der hat sich von seiner Frau, die keine Kinder haben konnte, scheiden lassen. Er hat sich dann eine jüngere Frau gesucht, die Kinder für den Führer bekommen sollte.

Für wie wichtig halten Sie 70 Jahre später die Stadtführung, die sich mit der Geschichte der Familie Emrich befasst?

Ich finde diese Veranstaltung sehr wichtig, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Den Älteren dürfte vieles aus dieser Zeit bekannt sein, aber auch die Jüngeren müssen wissen, was damals geschehen ist.

Fragen von Ulrike Stahlfeld

(Mühlacker Tagblatt vom 26. März 2012, Text: Ulrike Stahlfeld u. Thomas Eier, Fotos: Stahlfeld)

Weitere Hintergrundinformationen finden Sie in einem unserer geschichtlichen Beiträge zur Fabrikantenfamilie Emrich.


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