Eigentümer sucht neuen Käufer für das Kernerhaus in Dürrmenz – Bürger machen sich Gedanken über Nutzungskonzepte
Eines der schönsten alten Häuser der Stadt – das Kernerhaus, Herrenwaag 6, in Dürrmenz – steht zum Verkauf. „Es ist ein Schmuckstück und muss als solches erhalten werden“, findet Frank-Ulrich Seemann. Sein Wunsch: Mehrere Bürger schließen sich zusammen, kaufen das Haus, das dann künftig unter anderem als Begegnungsstätte, kleines Museum oder für Ausstellungen genutzt wird.
Mühlacker. Seemann ist aber auch Realist und weiß, wie weit der Weg ist, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Triebfeder seiner Gedankenspiele ist dabei die Befürchtung, dass ein Investor das Haus erwirbt, entkernt und mit Eigentumswohnungen vermarktet. „Dann ist der Charakter des Hauses mit seinem besonderen bauhistorischen Reiz zerstört“, befürchtet Seemann.
Allerdings hat die Stadt durchaus ein Mitspracherecht, wie Gottfried Kautter vom Gebäude- und Grundstücksmanagement betont: „Das Kernerhaus liegt im Sanierungsgebiet, deshalb ist ein Verkauf genehmigungspflichtig und alle geplanten Umbauten werden baurechtlich geprüft.“ Dass die Stadt selbst das Gebäude aus dem Jahr 1612 kauft und umbaut, sei ausgeschlossen, sagt Kautter: „Dafür haben wir kein Geld.“ Auf finanzielle Zuwendungen aus dem Sanierungstopf dürfte der neue Investor auch nicht unbedingt hoffen. „Es sind keine Mittel mehr für private Sanierungen frei. Das restliche Geld fließt in die Sanierung des Kanne-Schuler-Areals.“ „Möglicherweise gibt es aber Zuschüsse vom Amt für Denkmalschutz beim Kauf des Hauses “, gibt Frank-Ulrich Seemann die Hoffnung nicht auf, dass das finanzielle Engagement des neuen Käufers wenigstens ein wenig versüßt wird.
Historisch-Archäologischer Verein will Katzenmaier-Haus an der Hofstraße retten An Ideen mangelt es Seemann nicht, was aus dem ehemaligen Kernerhaus gemacht werden kann. „Hier sind verschiedene Mischnutzungen möglich. In dem Haus könnten auch Vereine ein neues Zuhause finde, außerdem könnte man hier wieder eine Gastronomie aufbauen.“ Auch für ein kleines Museum sei in der ehemaligen „Sonne“ in Dürrmenz Platz. „Es wäre sicher ideal, wenn sich der Historisch-Archäologische Verein und der Verschönerungsverein das Projekt auf ihre Fahnen schreiben würden“, sagt Seemann. Allerdings sei dort bei ersten Gesprächen die Begeisterung nicht unbedingt groß gewesen. „Wir können uns leider nicht selbst in Immobilien engagieren“, erklärt Wolfgang Rieger vom Vorstand des Historisch-Archäologischen Vereins (HAV), der in Sachen Kernerhaus aktuell keinen akuten Handlungsbedarf sieht. „Das Gebäude ist in privater Hand, sehr gut erhalten, und der Besitzer hat keinen Druck, es an den erstbesten Investor zu verkaufen.“ Ganz anders sei die Situation nur wenige Meter entfernt beim Katzenmaier-Haus an der Hofstraße, das aus dem Jahr 1504 stammt und das älteste Haus von Mühlacker ist. „Es soll abgerissen werden“, bedauert Rieger. „Hier drängt die Zeit. Wir wollen helfen, das Haus zu retten.“ Aber natürlich würde er es auch mehr als begrüßen, wenn für das Kernerhaus ein neuer Besitzer gefunden wird, der ebenso viel Liebe in den Erhalt steckt wie seine Vorgänger.
„Wir bräuchten Privatpersonen, die sich am Kauf des Kernerhauses beteiligen“, so Seemann. „Das Haus ist eng mit der Geschichte Mühlackers verknüpft.“ Nicht nur, dass in dem ehemaligen Gasthaus „Sonne“ ganze Generationen von Enz-Flößern ihr müdes Haupt gebettet haben, vielmehr hat hier auch die erste Dürrmenzer Seifensiederei gestanden. „Sie war die Wiege des wirtschaftlichen Wohlstands von Mühlacker“, weiß Seemann.
Kernerhaus zeichnet sich durch höchste Kunst der Zimmermannsarbeit ausDass sich dann noch im Winter 1810 ein gewisser Justinus Kerner, schwäbischer Dichter und Arzt, für zwei Monate im Gasthaus „Sonne“ einquartierte, sei schon fast eine Randnotiz, findet Seemann. Aber immerhin hat Kerner dem Haus, dessen letzte Eigentümerin und Bewohnerin vor anderthalb Jahren starb, im Volksmund seinen Namen verliehen. Da ihr Sohn in der Schweiz lebt, hat er selbst kein Interesse daran, das Gebäude zu übernehmen, dessen Bausubstanz auch nach 400 Jahren noch einwandfrei ist. „Wir haben uns das Haus mit einem Architekten angeschaut. Es gibt keinerlei Setzrisse. Das Fundament ist stabil wie am ersten Tag – und das nach den vielen Hochwassern“, sagt Seemann. Aber nicht nur die inneren Werte sind intakt, auch äußerlich präsentiert sich das Anwesen an der Enz als eines der schönsten Häuser der Stadt. Es weist eine seltene Fachwerkkonstruktion auf, die in wesentlichen Teilen der Renaissance zugeordnet wird und sich durch höchste Zimmermannskunst auszeichnet. „Die letzten Eigentümer haben sehr viel Liebe in den Erhalt des Gebäudes gesteckt“, weiß Seemann. So ist beispielsweise die Fassade erst 1978 und 2006 saniert worden, und die Scheune wurde im vergangenen Jahr neu eingedeckt.
(Mühlacker Tagblatt vom 11. Januar 2012, Text und Foto: Frank Goertz)